Träume ersegeln - Mittelmeer/Ägaeis mit Skipper Manni

 

Eine „ganz normale“ Bootsüberführung

von El Gouna nach Suez.

von Ralf WalteR

 

Ralf betreibt eine Surf- und Segelschule (Hobbycats) am "Arabia Beach" Hotel in Hurghada. Durch seine gewohnte Sichtweise von flachen Booten aus, erschienen ihm die Wellen und die Containerschiffe besonders hoch.                                                   (Anmerkung des Eigners)
   

Ein Kurztrip von 2 Tagen war geplant, da mich mein Freund Manfred gebeten hatte, mit nach Suez zu kommen, um sein Boot dorthin zu überführen. Einen Hochseekatamaran von 13 x 7 Metern, der auf den Namen "the big easy" hört.

Im Sommer wird das Schiffchen in der Türkei verchartert und in den „Wintermonaten“ darf es sich, samt Manfred, in der Abu Tig Marina in El Gouna (Ägypten) erholen.

Laut Wetterbericht sollte es in den nächsten 3 Tagen keinen oder nur wenig Wind aus Süd geben und somit war auch hier in der Station kein Geschäft zu erwarten. Außerdem hatte sich meine liebe Freundin Jana bereit erklärt, die Stellung in der Segelschule zu halten.

Am Abend des 7. März 2005 kamen neben meiner Wenigkeit, Frank, ein Freund von Manfred, und  Renate und Joachim, ebenfalls ein befreundetes Paar, an Bord. So war sichergestellt, dass wir am 8. März pünktlich um 6.00 Uhr auslaufen konnten.

Sowohl Frank als auch Joachim und Renate sind keine Segler und waren somit das erste Mal auf einer solchen Reise an Bord.

Da Manfred in den letzten Wochen immer wieder Ausfälle des Kartenplotters hatte und eine Reparatur vor Ort nicht möglich war, brachte ich mein gutes altes Hand-GPS mit und installierte es samt der externen Stromversorgung am Steuerstand.

Nach einer kurzen Runde Skat, ein paar netten Gesprächen und einem Good-bye-El-Gouna-Bier ging es früh zu Bett, da die Nacht um 5 Uhr beendet werden sollte. Zuvor holten wir  nochmals telefonisch Wetterauskünfte ein und die Wettervorhersagen auf windguru, wetteronline und allen anderen Seiten im Net versprachen keinen oder wenig Wind von Süd für die nächsten Tage!

Pünktlich um 5 Uhr war die Nacht beendet. Ab unter die Dusche, schnell einen Kaffee, denn ausgiebig frühstücken wollten wir unterwegs. Joachim begann den Tag, zum Erstaunen aller, mit einem Whisky. Nach meiner Bemerkung „das fängt ja gut an, die Crew säuft“, beschwor der Gute, dass das nur gegen die „Rache des Pharao“ sei.

Der Bäcker machte uns einen Strich durch die Rechnung der Pünktlichkeit, da er erst um 6.05 Uhr öffnete. Gut, waren wir eben 10 Minuten später dran. Nun aber Leinen los, ein letzter Blick auf die Abu Tig Marina und raus aufs offene Meer Richtung Norden, dem Suez-Kanal entgegen.

Wie die Wettervorhersagen berichteten, fuhren wir mit 7 Knoten (Kn), also 12,5 km/h über Grund, bei spiegelglatter See Richtung Gubal Straße. (Über Grund bedeutet, dass die Strömung mit berechnet ist.)

Bereits nach wenigen Kilometern hießen uns zahlreiche Delphine willkommen, ein Seeadler nahm in der oberen Saling Platz und beobachtete uns beim Frühstück. Prima, ein Seevogel an Bord gilt unter Seefahrern als gutes Omen.

Nach dem Frühstück gab es für die gesamte Crew die Sicherheitseinweisung. Dazu hatte Manfred einen aufblasbaren Kinderschwimmring aus seiner Kabine geholt und erklärte Renate, wie man dieses „hoch moderne Rettungsmittel“ bedient.

Der Sicherheit wegen wurde es aber nun ernst. Jeder holte sein Lifebelt (ein Sicherheitsgeschirr mit einer Leine und einem Haken, wo man sich bei Welle einpieken kann, um nicht über Bord zu fallen) und den Rettungskragen aus der Kabine. Alles wurde angezogen und angepasst, anschließend wieder verstaut. Dann noch eine Einweisung in die Funktion der Rettungsinsel, Standort der Feuerlöscher und so weiter.

Kontrolle der zurückgelegten Strecke. Gleich mussten wir die Gubal Straße, die wichtigste Schifffahrtsstraße auf dem Weg Richtung Indien, erreichen.

Erstaunlich, wie viele von diesen riesigen Containerschiffen unterwegs waren. Mit bis zu 25 kn fuhren diese und so hieß es beim Passieren der Schifffahrtsstraßen: besondere Aufmerksamkeit! Durch das eigentliche Fahrwasser hindurch und dann am rechten äußeren Rand ging es Richtung Suez-Bay, der Einfahrt in den Suez-Kanal.

Renate und Joachim suchten sich ein ruhiges Plätzchen im Trampolin, Frank machte sich in der Kombüse, so wird die Küche auf Schiffen genannt, ans Mittagessen.

Nach dem Essen kam Frank auf die Idee, zu angeln. Gesagt, getan. Ein dicker Gummifisch an die Schnur und raus das Ding. Zuerst sprang der Köder, da zu wenig Schnur auf der Rolle war, nur auf der Wasseroberfläche entlang. Nachdem wir 200 Meter mehr aufgespult hatten, blieb der Köder zwar unter Wasser, aber einen sichtbaren Erfolg gab es in den nächsten Stunden nicht. So holte Frank eine Büchse Fisch aus der Küche und präsentierte „stolz“ seine Angelkünste, nicht ohne den Hohn der gesamten Besatzung.

Am frühen Nachmittag kam der leichte, versprochene Südwind. Also Genua, ein riesiges Vorsegel, auf und unter den zusätzlich laufenden Maschinen, machten wir bis zu 9 kn über Grund. Manfred und ich koppelten voller Freude den Kurs und mit der zurückgelegten Strecke waren wir mehr als zufrieden. Unserer Rechnung nach, konnten wir bereits vor Anbruch des nächsten Morgens Suez erreichen. Koppeln bedeutet, den errechneten oder abgelesenen Kurs in die Seekarte einzutragen.

Da eine Ein- und Durchfahrt durch den Suez-Kanal nur mit Lotsen gestattet und eine Übernahme auf dem Wasser bei Dunkelheit nicht unbedingt empfehlenswert ist, beschlossen wir, wenn nötig, in der Nacht die Fahrt zu drosseln.

Um 17.30 Uhr brach die Nacht ein, trotzdem wurde es nicht langweilig. Entlang an vielen bunt beleuchteten Bohrtürmen, die aus der ferne Moscheen glichen - ein tolles Bild - ging es zügig weiter Richtung Ende der Etappe.

Nach dem Abendessen wurden die Wachen eingeteilt. Joachim und ich von 22.00 - 02.00 Uhr, Manfred und Frank von 02.00 - 06.00 Uhr, anschließend Manfred und ich zusammen für die Einfahrt in Suez-Bay.

Der Südwind legte sich ebenfalls zur Ruhe, wie das in einem Land, wo die Sonne den Wind erzeugt, üblich ist. Also Genua weggerollt und nur unter Maschine weiter.

Ich legte mich um 19.00 Uhr in meine Koje, um für meine Nachtwache fit zu sein. Da wir Steuermänner, Manfred und ich, die großen hinteren Kabinen belegten, hatte ich durch die doch recht lauten Geräusche der Maschine auf meiner Seite, erst mal einige Probleme mit dem Einschlafen.

Um 5 Minuten vor 22.00 Uhr wurde ich geweckt, sprang in meine Sachen und als ich in der Plicht erschien, war meine erste Frage, warum wir unter Maschine und nicht unter Segel fuhren, denn der Windi (Windmesser) zeigte 12 kn Wind. Dummerweise aus Nord, klar, darum ohne Segel, denn gegen den Wind kann man nicht segeln.

Die Crew hatte wirklich an alles gedacht! Bevor sie sich sofort in ihre Kojen (Betten) zurückzogen, hatten sie für Joachim und mich noch einen Kaffee gekocht, wie nett!

Um 22.05 Uhr koppelte ich den Kurs, übertrug ihn auf die Karte und freute mich bereits auf den Moment, wo wir den Speed drosseln mussten, um eben nicht bei Nacht in Suez-Bay anzukommen.

Kurze Zeit später zeigte der Windmesser auf einmal 20 kn, weitere 10  Minuten später 25-30 kn und legte auf 35 bis 40 kn zu. Also noch schnell eine Gute-Nacht-SMS an Jana,  die ja zuhause bleiben musste, mit den Worten „super Sache, Wind 35 bis 40 Knoten“. Nachdem die Arme in meiner Schulungsunterlage die Windumrechnungstabelle gefunden hatte, kam die weniger liebevolle Gegenfrage „ob ich noch ganz gesund sei“!?  An dieser Stelle muss man wissen, dass 40 kn bereits die obere Grenze des stürmischen Windes und damit nur einen Knoten unter der Bezeichnung Sturm liegen.

Als ich wieder in die Plicht (der hintere, äußere Teil des Bootes, mit Steuerstand) kam, zeigte der Windi bereits 40-45 kn Wind an. Nun hatten wir also Sturm und es schien eine sportlichere Angelegenheit zu werden

Vorsichtshalber ging ich kurz nach unten in meine Kabine, legte Lifebelt und Rettungskragen an. Joachim gab ich nach meiner Rückkehr ebenfalls diese Weisung. In der kurzen Zeit, wo Joachim in seiner Kabine war, legte der Wind bereits auf 50 kn zu und als er erschien, ließ ich sofort Manfred wecken, denn dieser schnell zunehmende Wind versprach nichts Gutes.

Manfred erzählte später, dass er nach dem Wecken sofort die ungewöhnliche Bewegung seines Bootes spürte.

Jetzt hatte der Wind auf 55 kn (orkanartiger Sturm) zugelegt und noch kurz bevor Manfred an Deck erschien, schaffte es der Autopilot, durch die entstandene Welle, nicht mehr, den Kurs zu halten. Es entstanden in Minuten Wellen, die einem das Blut langsamer durch die Adern fließen lassen.

Die erste größere Welle schob uns quer und so drückte ich die Gashebel beider Maschinen nach vorn. Also Vollgas, um auf den alten Kurs zurück zu kehren. Die nächste große Welle traf uns so unglücklich, dass der Cat einmal umgeräumt wurde. Nichts stand mehr dort, wo es vorher war: mein Camcorder wollte wohl ein Bad in der Spüle nehmen, der Navigationszirkel steckte im Sitzpolster, die Karten lagen im Niedergang. Es sah aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Normalerweise liegt ein Catamaran auch bei „schwererer“ See, durch seine beiden Rümpfe, immer relativ gut in der Waage. Soviel zu den Gerüchten, auf einem Cat kippe kein Glas um!!!

Nach diesem „Einschlag“ war die nun erst kurze Nachtruhe für alle beendet. Renate erzählte beim Auftauchen, dass sie zuerst in der Wäscheablage über ihrer Koje, dann an der Decke ihrer Kabine klebte. Alle mussten ihre Lifebelts und Rettungskragen anlegen. Frank verstand erst mal gar nichts. Er war so schlaftrunken, dass er erst nach einem etwas härterem Ton begriff, was eigentlich los war.

Manfred und ich hatten uns längst mit unseren Lifebelts extrem kurz gesichert und hinterm Steuerstand verkeilt!!!

Durch den Neumond war die Nacht stockfinster und es ließ sich nur schwer erahnen, wo das nächste Geschoss (Welle) herkommen sollte. Ein Blick nach vorn, dann nach achtern (hinten), verhieß nichts Gutes. Riesige Wellen türmten sich auf. Das eigentliche Problem sollte nicht die Höhe der Welle werden, sondern ihre extreme „Kurzheit“. An Kurs halten war immer weniger zu denken und da wir immer weiter in die eigentliche Verkehrszone der Gubal Straße gedrückt wurden, entschlossen wir nach ca. 40 Minuten Kampf, umzukehren und abzulaufen. Viel zu groß war das Risiko, von einem dieser Containerriesen in den Wellen übersehen zu werden!!! Außerdem gilt die alte Weisheit unter Seglern: Lieber schneller „weglaufen“, als gegen diesen Sturm ankämpfen.

Nachdem wir nun "endlich" wieder auf Kurs Süd (Richtung El Gouna, wo wir am Morgen zuvor ausliefen) unterwegs waren, gab es ein Bild vor den Augen, dass man nicht so schnell vergessen kann. Gegen die Welle bergauf, bis die Geschwindigkeit fast auf null runter war, auf dem Wellenkamm ein Vornüber kippen und die Welle lang runter mit bis zu 16 kn Geschwindigkeit und wieder weg vom Kurs. Es blieb also nur noch eine Möglichkeit, den Kurs halbwegs zu stabilisieren: ein Stück Vorsegel musste raus, damit wir gezogen und nicht von den Maschinen geschoben wurden.

Gesagt, getan. Genua-Aufroll-Leine um die Winsch gelegt, von Hand fieren (nachgeben) undenkbar, Schoten (Leinen) frei und 2 qm Segelfläche raus. Ein beeindruckendes Bild, wie 2 qm Segel den Vorstag durchdrücken können.

Nebenbei, ich denke, ein Einrumpfboot hätte riesige Probleme gehabt. Durch die starke Krängung kann der Mast unter Wasser gedrückt werden und damit eine „Enthauptung des Schiffes“ stattfinden.

So kämpften wir weiter, da der Autopilot weiterhin seine Dienste versagte. Um 2 Uhr grinste ich Manfred mit den Worten an, dass meine Nachtwache nun zu Ende sei. Ein gequältes Lächeln kam zurück. Uns beiden war klar, dass die "Wach"-Zeiten bereits vor 4 Stunden, unfreiwillig, verlängert worden waren.

Ein Blick zum Bug, warum war es da eigentlich so dunkel??? Eine dieser Wellen hatte dafür gesorgt, dass die Positionsbeleuchtung ausgefallen war! Super, nun auch noch ohne Buglicht, das anderen Schiffen zeigt, wo eigentlich vorn ist!

Später sollte es noch dümmer kommen: die Navigationsinstrumente, am Steuerstand, zeigten nur noch „error“!

Als hätten wir nicht schon genug Pech in dieser Nacht gehabt, nun auch noch ohne Navi am Steuerstand. Also war eine ständige Kontrolle des Kurses unten angesagt, was nicht unbedingt zu den angenehmsten Dingen gehörte, bei dem Wind und der Welle, zwischen Niedergang und Steuerstand hin und her zu springen. Zum Glück versagte mein zuvor installiertes Hand-GPS nicht und so konnte man halbwegs dem Pfeil auf dem Display folgen.

Renate ging in ihre Kabine, um sich ein Sweatshirt zu holen, und erschien Sekunden später mit dem Hilferuf „ich glaube, wir sinken“ wieder an Deck! Ich machte also sofort eine Kontrolle des Schiffs und stellte in der Kabine von Renate und Joachim, sowie auf der Steuerbordtoilette, Wassereinbruch fest! Beides war aber schnell gefunden, die Decksluken waren nicht mehr fest verschlossen. Wir denken, durch den Aufprall der Wassermassen hatten sich die Verschlüsse einfach in die „verkehrte“ Richtung gedreht.

Joachim und Frau Renate hatten in der Zeit, wo ich das Boot kontrollierte, ein neues Hobby gefunden. Sie begannen damit Mülltüten zu füllen, und zwar mit dem Essen des vorherigen Abends.

Die Tüten übergaben wir dem Roten Meer. In dem Moment, wo man sie los ließ, waren sie auch schon nicht mehr zu sehen. Neptun möge uns gnädig für die paar Mülltüten sein, da wir ja so was normalerweise nicht machen. Zur Erklärung unseres nicht „Greenpeace“-gerechten Verhaltens: Auf keinen Fall wollten wir, dass durch den „Geruch“ noch mehr Besatzungsmitglieder seekrank werden, das hätten wir nicht auch noch gebrauchen können. Es ging bei dieser sicherlich unschönen Entsorgung wirklich nur um Sicherheitsaspekte!!!

Gegen 3.30 Uhr entspannte sich die Situation, der Wind ging etwas zurück. Damit konnte "mann" gut leben, denn Kurs halten war, dank des Ablaufens, nun kein Problem mehr.

Dummerweise waren wir nun seit Stunden wieder im direkten Anflug auf El Gouna, wollten wir doch eigentlich nach Suez. Eine kurze Berechnung der zurückgelegten Strecke ließ schnell erkennen, dass wir uns was einfallen lassen mussten. Wir hatten in nur 2(!!!) Stunden eine Strecke zurück gelegt, die wir zuvor in etlichen  Stunden unter Maschine gefahren waren.

So entschlossen sich Manfred, in der Nähe von Ras Gharib (das wir um 18.00 Uhr des Vorabends bereits passiert hatten) einen "Schutzhafen", eine flache, durch ein vorgelagertes Riff geschützte Lagune,  anzulaufen. Dort wollten wir vor Anker der Dinge abwarten, die noch folgen sollten. Laut Seekarte nur eine extrem schmale Einfahrt und bei unserer Breite von 7 Metern, hieß es genaue Navigation zu praktizieren.

Die Einfahrt war allerdings bestens ausgetonnt. Nach den Ansteuerungslichtern rechts weg und ab in Richtung Land. 10 Minuten später fiel der Anker auf 9 Meter tiefen Sandgrund und hielt uns bei 30 Meter Kettenvorlauf sicher. Bei der Ankerkontrolle stellte ich fest, dass eine dieser netten Wellen das Trampolin, welches sich zwischen den vorderen Rümpfen befindet, aus den Verschnürungen gerissen hatte. Gut, dass bei dieser Sturmfahrt keine die ausgefallene Positionsbeleuchtung kontrolliert hatte, da wäre glatt jemand ins „Nichts“ getreten.

Alle, bis auf Renate, die eine meiner mitgebrachten Milka-Tafeln nieder machte, hatten sich bereits total übermüdet ins Bett begeben. Ich reparierte noch schnell, bei strömendem Regen, das Trampolin.

Um 8.00(!!!) Uhr, völlig entgegen meiner Überzeugung, trank ich ein Bier, um wieder auf normales "Level" runterzukommen und ging ebenfalls in meine Koje. Zuvor stellten wir jedoch noch die Ankerwache am Kartenplotter ein, denn Sandgrund und starker Wind sind eine relativ unsichere Sache.

Um 13.00 Uhr weckte mich Manfred und wir besprachen das weitere Vorgehen. Per Telefon holten wir uns Wetterauskünfte ein und wie am Vortag sollte es nur wenig Wind geben. Da ja normalerweise der Wind auch nachts einschläft und erst am Morgen erwacht, beschlossen wir sofort auszulaufen und wieder Richtung Suez zu fahren.

Ahhh, hätte ich fast vergessen: ich resettete noch die Navi-Instrumente, die bei dieser Sturmfahrt ja ausgefallen waren. Glücklicherweise keine schwerwiegenderen Probleme. Das hätte ich natürlich auch schon in der Nacht machen können, aber mir war das Risiko zu groß, auch noch den Plotter zu verlieren, da alle Geräte miteinander verbunden sind.

Noch durch die Ereignisse der letzten Stunden gewarnt, beschlossen wir, Schutz unter der Küste zu suchen. Also über die Gubal Straße rüber und dicht unter dem Schutz des Festlandes vom Sinai lang hoch gen Norden.

Einige Zeit später Manfred kam nun auf die Idee, die Genua zu setzen, da der Wind mit 5 – 6 Bft. ideal war. Nach einer Stunde Fahrt unter Segel stellte ich jedoch fest, dass wir zwar etliche Seemeilen zurückgelegt hatten, jedoch unserem Ziel nur wenige Meter näher gekommen waren. Ohne Großsegel kamen wir nicht hoch genug an den Wind, Strömung und Welle taten ihr übriges dazu. Also Genua wieder weggerollt und unter Maschine weiter, hatten wir ja auch schon lange nicht mehr.

Anschließend legte sich Manfred für 4 Stunden schlafen und dank des Neumondes steuerte ich, wieder unter Autopilot, big easy durch die stockfinstere Nacht. Der Wind war gut, zwischen 20 und 28 kn, nur die Welle von rund 2 Metern  und von vorn, machte die Nachtruhe nicht unbedingt zur Erholung. Man muss an dieser Stelle wissen, dass es klingt, als ob das Boot auseinander bricht, weil man auf ein Riff gefahren ist, wenn mit ohrenbetäubendem Lärm die Wellen gegen das Unterwasserschiff knallen.

Ein leiser Heulton erklang in der Ferne. Komisch, denn die 10 Sekunden Ton, dann 20 Sekunden Pause ließen auf eine Heulboje schließen. Normalerweise haben diese Teile auch noch Licht, von dem allerdings nichts zu sehen war. Ich holte mir eine Rolle Alufolie, hielt diese ans Ohr und drehte mich um 360 Grad. Zugegeben eine billige, aber wirksame Methode die Richtung, aus der der Ton kommt, zu bestimmen. Schlecht waren die 20 Sekunden Pause, die dem Ton folgten. Und da war er wieder, der Ton. Ganz klar 30 Grad auf Steuerbord, also in Landnähe. Wahrscheinlich eine Hafeneinfahrt für die vielen Fischerboote und darum war sie wohl auch nicht in der Seekarte verzeichnet.

Der Wind meinte es, wie es zu Nacht sein sollte, gut mit uns und ließ von Minute zu Minute nach. Zwei Stunden später war das Meer spiegelglatt, nur einige Wellen von riesigen Containerschiffen ließen big easy sanft wogen.

Am Horizont erschien ein kleines Licht, dem ich zunächst keinerlei Beachtung schenkte. Sekunden später stellte ich fest, dass das Licht gar nicht in der Ferne sein konnte, denn dann hätten die Lichtquelle und Lichtreflexion auf dem Wasser ja schließlich nahtlos sein müssen. Hier war aber ein gutes Stück Dunkelheit zwischen Lichtquelle und dem,  was sich auf dem Wasser widerspiegelte.

Ein nur schwach beleuchteter, halb abgesägter Bohrturm stand vor uns. Kurs hart backbord !

Ich runter an den Kartenplotter, Kurs und Position mit der Karte verglichen... Nein, nicht verkehrt gekoppelt, hier stand dieses Ungetüm mitten im Wasser und war nirgends eingetragen. Weder auf der Seewasserkarte noch auf dem Monitor des Kartenplotters. Nur soviel zur Genauigkeit von Seekarten im Roten Meer.

Kurze Absprache mit Manfred an Deck, der dafür nur ein Kopfschütteln übrig hatte verschwand, mit dem Wissen, dass wir gleich wieder in sicheren Gegenden unterwegs sind, wieder in seiner Koje.

Bis zum Erreichen der Schifffahrtsstraße hielten wir mit einem großen Suchscheinwerfer Ausschau nach weiteren Hindernissen, fanden aber zum Glück keine mehr. Kurz außerhalb der eigentlichen Schifffahrtszone steuerte ich auf Suez zu.

Ein schönes Fahren, in Anbetracht der letzten Nacht. Ich koppelte erneut den Kurs, begann zu rechnen und wieder musste ich feststellen, dass wir zu früh in Suez-Bay ankommen würden.

ABER DAS HATTEN WIR GESTERN ABEND AUCH SCHON FESTGESTELLT!!!

Trotzdem drosselte ich die Maschinen und fuhr nur noch mit 4 kn weiter. Wie ich zuvor ausgerechnet hatte, blieb noch immer Reserve. Um 24.00 Uhr weckte ich Manfred, übergab die Wache und ging zu Bett. Der schaltete die Steuerbordmaschine ab, da sie nach einer defekten Einspritzpumpe und verkehrter Einstellung in Hurghada, den 3-fachen Diesel trank. Dies merkten wir leider erst bei der Kontrolle der Treibstoffanzeige während der Fahrt. Trotzdem waren wir noch zu schnell.

Meine Nacht wurde kürzer als erwartet. Gegen 4.00 Uhr kam Manfred in meine Kabine, weckte mich, und teilte mir mit, „von allen Seiten Positionsbeleuchtungen von Schiffen“. Ich raus und es wimmelte hier von diesen nur spärlich beleuchteten Ozeanriesen. Wir waren also kurz vor der Waiting-Area vorm Eingang des Suez-Kanals.

Man soll nicht denken, dass diese Ozeanriesen einem dieser Kreuzfahrtschiffe gleichen, außer von der Größe her. Die haben nämlich nur ganz wenig Beleuchtung, Backbord rot, Steuerbord grün, in der Mitte natürlich weiß und dann noch zwei versetzte gelbe Lampen. Letzteres heißt, Schiff mit einer Länge von mehr als 50 Metern, das können also auch 400 sein.

Nun hatten diese Riesen gegenüber uns einige Vorteile, die man besser nicht außer Acht lassen sollte. Zum einen verfügen sie über Radar, das wir nicht an Bord hatten, zum anderen merken sie nicht einmal, wenn sie so ein "kleines" Boot überrollen. Also ran ans Funkgerät und über Kanal 16 Suez-Control angefunkt! Hier gibt es eine Anmeldepflicht!

Einmal... zweimal... dreimal... Aber alle Anrufe verschwanden in der Nacht und es gab keine Antwort. Hat wohl unsere UKW-Antenne bei diesem Sturm ein Ding mitbekommen!?!?

Was nun??? Zwischen diesen Riesen fühlten wir uns zunehmens unsicherer. Hinzu kam, dass einer dieser Riesen uns auf Schritt und Tritt folgte! Erhöhte ich das Tempo, tat er das Gleiche, nahm ich Gas weg, er auch!

Also lange Rede, kurzer Sinn. Manfred am Plotter, kleinste Auflösung und dann eben ohne Anmeldung in den Kanal. Hier konnten wir jedenfalls nicht bleiben!

Die Einfahrt in den Kanal ist mehr als traurig beleuchtet, ist eben Ägypten und darum auch der Lotse, den man eigentlich an Bord haben müsste.

Nachdem ich so eine halbe Meile im Kanal umherschipperte, noch immer diesen „Riesen“ im Nacken, kam ein schnell fahrendes Lotsenboot, mit voll eingeschalteten Suchscheinwerfern, auf uns zu. Auf die Frage, wo wir uns angemeldet hätten und wo wir hin wollten, kam die Antwort: "Suez-Control meldet sich auf unsere Anrufe nicht und wir müssen entweder in die Marina oder an einen sicheren Ankerplatz. Außerdem benötigen wir einen Lotsen!" Dennoch wurden wir "höflichst" gebeten, aus dem Fahrwasser zu fahren.

Langsam erwachte der Tag und in mir auch der Gedanke und dieses unbeschreiblich dumme Gefühl, was wir da angerichtet hatten. Hinter uns eine schwarze Wand, so hoch man auch blickte, der riesige Bug eines Schiffes. Da war ein wirklicher Riese hinter uns und hinter ihm kam die komplette Kolonne, wie sie hier fahren müssen - im "Schlepptau". Auf diesem Riesen muss jemand die ganze Zeit nach uns  Ausschau gehalten haben, denn von seinem Steuerstand aus konnte man uns unmöglich sehen. Der „tote“ Winkel beträgt bei einem Schiff dieser Größe, mehrere hundert Meter!!!

Weitere Anrufe über Kanal 16 blieben unbeantwortet und nun war auch die Fahrt außerhalb des Kanalsfahrwassers gleich beendet, da hier ein riesiges Wrack den Weg versperrte. Also, was nun? Eine Antwort von Suez-Control gab es nicht, einen Lotsen hatte man uns nicht geben und vom rettenden Yachthafen waren wir laut Manfreds Berechnungen nur rund 500 Meter entfernt. Dummerweise auf der anderen Seite des Fahrwassers.

Blick links und rechts, Ruder hart backbord, beide Maschinen Vollgas und zwischen zweien dieser Riesen auf die andere Seite.

Geschafft!!!

Weiterfahrt auf der linken Außenseite des Kanals und am Ende der Außenzone wieder rein in die Schifffahrtsstraße und zwischen zwei dieser Riesen gesetzt.

Zu meiner Entzückung kam Manfred mit der Nachricht, dass er sich verrechnet habe. Es seien nicht 500 Meter sondern 9!!! Ich: "was Meilen???"

Nein, „900 Meter", und ein dickes Grinsen übers gesamte Gesicht!

Dann scharf links rein in den Yachthafen und an einer Muring (im Wasser befindliche Festmacherleinen) festgemacht.

(Wochen später hatte ich gelesen, dass eine unerlaubte Einfahrt in den Kanal mit Geldstrafen bis zu 3.000 US$ geahndet wird und die Beamten da nicht zimperlich sind. Es hat hier schon Schiffe gegeben, die an die Kette gelegt wurden, da sie die Strafe nicht zahlen konnten.)

Als ich die Maschinen abschaltete, kam auch der Rest der Besatzung an Deck. Nichts hatten sie von all dem mitbekommen!!! Gut so!!??

Schnell duschen und dann wollten wir frühstücken gehen, direkt vorm Hafen das Hotel "Red Sea".

Das Restaurant in der 6. Etage mit einem super Blick auf den Hafen und den sich vorbeischiebenden Ozeanriesen im Kanal. Außer uns kein Mensch in diesem doch recht großen Saal. Dafür 6 Kellner, die sich alle gleichzeitig um unser leibliches Wohl kümmern wollten. Wir baten also um eine Speisekarte, die sich als einer der Kellner herausstellte. Der leierte seinen perfekt einstudierten Text, in feinstem Englisch, runter. „We have local and continental breakfast !!” Nun blickten wir uns, der Kellner und wir, eine Weile an, da wir dachten, da kommt noch was. Dann erklärte er uns, was wir für die beiden verschiedenen „Gerichte“ bekommen würden.

Das „local“ bestand aus einem kleinen, grünen Salat, ein paar gekochten Bohnen, Fladenbrot und einer Tasse Kaffee. Das „continental“ aus Ei, Butter, Honig, Hörnchen und einem O-Saft. Beides zusammen ergab also ein ordentliches Frühstück und so bestellten wir auch gleich beide Gerichte.

Ein schöner Anblick, unsere big easy dort so gut gebettet zwischen den Muhrings im Hafen vom Restaurant zu sehen. Dummerweise wurde unser Blick, Manfreds und meiner, immer wieder unterbrochen, denn wir hatten uns irgendwie ein Augenleiden zugezogen. Sie fielen immer zu!!!

Eine Sekunde ohne Beschäftigung und wir holten das nach, was wir nicht genügend hatten, Schlaf, beim Frühstück! Unsere nette Besatzung drehte die Gabeln mit hämischem Lachen um. Nicht, dass wir die Zinken im Kopf hätten, wurde gelästert.

Wieder an Bord, mussten wir erfahren, dass unser Fahrer wegen Sandsturmes in Hurghada nicht losgefahren war und frühestens in 5 - 6 Stunden kommen konnte. So hatte man uns von der Marina einen Privatfahrer besorgt, der uns zurück nach El Gouna fuhr.

Abschied von Big Easy und Manfred, der fragte, wie er mir nur danken könnte. Mein GPS überließ ich ihm für die Weiterfahrt nach Zypern, er wird es mir per Post zukommen lassen.

Zuhause angekommen, erfuhren wir, dass es nicht nur uns schlecht erging. In Kairo gab es so heftige Regenfälle, dass Treibholz durch die Straßen schwamm. Das blieb uns zum Glück erspart.

Es folgte eine kurze Ruhepause meinerseits, von 19.00 Uhr bis zum nächsten Morgen 10.00 Uhr schlief ich durch

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich über Sachen wie Seenot oder Untergang nachgedacht und doch zeigen einem die Naturgewalten, dass man sie nie unterschätzen darf und jeder Zeit auf Alles vorbereitet sein muss.

 

Im Nachhinein muss man sagen, dass wir big easy bis auf ein „paar“ unfreiwillige Kursänderungen ständig unter Kontrolle hatten.

An dieser Stelle möchte ich den "kurzen" Reisebericht beenden. Ich könnte noch weitere 10 Seiten schreiben, denn vieles habe ich einfach weggelassen, wie z.B. die mit Hunderten Scheinwerfern bestückten Fischerboote, die für den einen oder anderen Schrecken sorgten, wenn sie kurz vor uns ihre „Beleuchtungspracht“ einschalteten.

Manfred und big easy haben die Weiterfahrt durch den Suez-Kanal mit einem, noch erschienenem, Lotsen ohne weitere Besonderheiten überstanden.

Von Port Said nach Zypern war ebenfalls der Wetterbericht falsch. Die Vorhersagen waren 3 – 4 Windstärken Südwind, also ideal zum Segeln. Tatsächlich musste er 40 Stunden, wieder unter Maschine, gegen 4 Windstärken Nordwind anfahren. Am Telefon erzählte er mir: „als ich, in Zypern, die letzte Festmacherleine um den Poller hatte, drehte der Wind auf die Tage zuvor versprochene Südrichtung!“

Fazit: Eine „ganz normale“ Bootsüberführung, über die alle Beteiligten noch lange reden werden.

 

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